Neubaur wirbt für Kreislaufwirtschaft – Textilindustrie pocht auf Mitsprache


Nordrhein-Westfalen und die Textil- und Modeindustrie wollen den Umbau zu einer zirkulären Wirtschaft beschleunigen. Über den Weg dorthin diskutierten NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur sowie Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen, Verbänden und Forschung beim ZiTex-Branchendialog bei HUESKER in Gescher. Im Mittelpunkt standen die Kreislaufwirtschaftsstrategie des Landes, die geplante erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien und die angespannte Lage der Branche.

Kreislaufwirtschaft als Standortfrage

„Eine umfassende und kluge Kreislaufwirtschaft schützt auch ökonomisch“, sagte Neubaur. Kreislaufwirtschaft dürfe nicht auf Abfallentsorgung verkürzt werden. Sie könne Rohstoffe länger im Wirtschaftskreislauf halten, die Abhängigkeit von Importen verringern und neue industrielle Wertschöpfung schaffen.

Die Landesregierung erarbeitet derzeit eine eigene Kreislaufwirtschaftsstrategie. Sie soll ein klares Zielbild und praxisnahe Rahmenbedingungen für zirkuläre Wertschöpfung schaffen. Nach den Planungen des Landes gehören dazu Ressourcenschonung, geringere Emissionen, innovationsfreundliche Regeln und der stärkere Einsatz digitaler Technologien. 

Als Beispiel nannte Neubaur die im März gestartete Textilfabrik 7.0 in Mönchengladbach, die sie vor Kurzem besucht hatte. Das von Bund und Land geförderte Reallabor soll eine CO₂-neutrale, zirkuläre und zugleich wirtschaftlich tragfähige Textilproduktion voranbringen und dabei unter anderem Robotik, künstliche Intelligenz und Biotechnologie verbinden. „Die Industrie ist hier mitten im Innovationsprozess“, sagte die Ministerin. Nachhaltigkeit könne so zum Modernisierungsschub werden.

Grandin: Erholung ist in der Branche noch nicht angekommen

Der Präsident des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie und Geschäftsführende Gesellschafter der HUESKER Gruppe, Dr. F.-Hans Grandin, verband die Transformationsdebatte mit einem Appell für wettbewerbsfähige Standortbedingungen. „Die sich in Teilen der Wirtschaft andeutende Erholung ist in unserer Branche noch nicht angekommen“, sagte Grandin. Nach dem Konjunkturbericht von textil+mode sank der Branchenumsatz im ersten Quartal 2026 um knapp acht Prozent; Beschäftigung und Zahl der größeren Betriebe lagen jeweils gut fünf Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Textilien seien Vorprodukte für zahlreiche industrielle Wertschöpfungsketten – vom Fahrzeug- und Maschinenbau über Bau, Chemie und Landwirtschaft bis zu Medizin und öffentlicher Beschaffung. Schwäche die Nachfrage in diesen Bereichen, treffe das auch die textilen Zulieferer. „Die Entlassungswelle der Automobilindustrie stoppt nicht an deren Werkstoren“, sagte Grandin.

Neben wettbewerbsfähigen und planbaren Energiepreisen brauche der industrielle Mittelstand spürbar weniger Bürokratie. Grandin würdigte den nordrhein-westfälischen Ansatz, landesrechtliche Berichts- und Dokumentationspflichten grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen. Zugleich regte er an, Behörden bei Auskunftsersuchen zur Angabe der Rechtsgrundlage oder zu einem klaren Hinweis auf die Freiwilligkeit zu verpflichten. „Jeder Euro und jede Arbeitsstunde, die in unnötige Abfragen, Nachweise und Mehrfachmeldungen fließen, fehlen für Innovation, Ausbildung und Transformation“, sagte Grandin.

Die Branche sei bereit, in klimaneutrale, zirkuläre und digitale Produktion zu investieren. Dafür müssten ökologische Ziele, Produktqualität und industrielle Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam gedacht werden. Dass textile Innovation Klimaschutz unmittelbar unterstützen kann, zeige auch HUESKER: Nach Unternehmensangaben können Geotextilien in geeigneten Anwendungen den CO₂-Ausstoß gegenüber konventionellen Bauweisen um bis zu 98 Prozent senken.

Hersteller wollen das Textilgesetz mitgestalten

Kritisch diskutiert wurde die Umsetzung der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien und Schuhe in einem von der Bundesregierung  geplanten Textilgesetz. Künftig sollen Inverkehrbringer die Kosten für Sammlung, Sortierung, Recycling und Entsorgung mittragen. Neubaur sagte zu, sich für eine frühzeitige Einbeziehung von Industrie und Wissenschaft in die Ausgestaltung des geplanten Textilgesetzes einzusetzen.

Dr. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes textil+mode, forderte ein transparentes, effizientes und bürokratiearmes System. Hersteller dürften nicht auf die Rolle einer reinen Zahlstelle reduziert werden. „Wer Finanzierung und Verantwortung übernehmen soll, muss auch an Steuerung und Organisation mitwirken können“, sagte Mazura.  Ebenso müssten internationale Plattformen und Anbieter aus Drittstaaten wirksam einbezogen werden, damit hochwertige europäische Hersteller nicht die Entsorgung kurzlebiger Billigware mitfinanzierten.

Mazura warnte zugleich vor starren Vorgaben, die technische Grenzen und das Rückgabeverhalten der Verbraucher außer Acht ließen. Komplexe Materialgemische, Qualitätsverluste bei wiederholtem Faserrecycling sowie bislang unzureichende Sortier- und Recyclingkapazitäten erschwerten geschlossene Kreisläufe. Quoten müssten deshalb auf belastbaren Daten beruhen, technologischen Fortschritt anreizen und regelmäßig überprüft werden.

Der Gesamtverband textil+mode hat im August gemeinsam mit dem Handelsverband Deutschland die „Allianz für textile Kreisläufe“ ins Leben gerufen.. Die Initiative soll die Expertise von Herstellern und Handel in die Entwicklung eines praxisnahen EPR-Systems einbringen. Neubaur sagte zu, sich dafür einzusetzen, die Expertise von Unternehmen und Wissenschaftlern aus den Textilforschungsinstituten im weiteren Verfahren einzubeziehen.

 

Hintergrund: ZiTex – Textil & Mode NRW

ZiTex ist eine gemeinsame Initiative des Verbandes der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, des Verbandes der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie und der IG Metall NRW. Sie organisiert den Dialog der Branche mit der Landespolitik und stößt Projekte für die nordrhein-westfälische Textil- und Modeindustrie an, darunter die Textilfabrik 7.0.

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