Mit deutlichen Worten hat der wiedergewählte Präsident des Textil- und Bekleidungsverbandes Nordwest, Dr. F.-Hans Grandin (Gescher), vor einem weiteren Verlust der Wettbewerbsfähigkeit Europas gewarnt. Auf der Mitgliederversammlung des Verbandes in Münster kritisierte Grandin die wirtschaftspolitische Entwicklung in Deutschland und Europa scharf. Zugleich bestätigten die Mitgliedsunternehmen ihn für eine weitere Amtszeit an der Spitze des Verbandes.
„Europa verliert immer mehr an Bedeutung“, sagte Grandin vor den Vertretern der Textil- und Bekleidungsindustrie. Während die Bedeutung Chinas politisch und wirtschaftlich rasant wachse, beschäftige sich die Europäische Union vielfach mit den falschen Themen. Als Beispiel nannte Grandin zusätzliche regulatorische Vorgaben und neue Berichtspflichten für Unternehmen.
Auch mit Blick auf Deutschland fiel seine Bilanz ernüchternd aus. Die Hoffnungen vieler Unternehmen auf einen wirtschaftspolitischen Neustart hätten sich nicht erfüllt. Hohe Energiepreise, steigende Arbeits- und Sozialkosten sowie eine zunehmende Bürokratie belasteten die industrielle Basis des Landes. Gleichzeitig wachse die Kluft zwischen wirtschaftlicher Realität in den Unternehmen und politischen Debatten.
Dennoch wandte sich Grandin ausdrücklich gegen eine Kultur des Pessimismus. „Unternehmertum und Pessimismus passen nicht zusammen“, betonte er. Gerade der industrielle Mittelstand sei ein entscheidender Wettbewerbsvorteil Deutschlands. Mittelständische Unternehmen seien es gewohnt, mit Unsicherheit umzugehen, Geschäftsmodelle anzupassen und neue Märkte zu erschließen.
Die Wiederwahl Grandins erfolgte vor dem Hintergrund einer bemerkenswert positiven Bewertung der Verbandsarbeit. Eine umfangreiche Mitgliederbefragung ergab eine Zufriedenheit von 91 Prozent. Besonders gut schnitten die arbeitsrechtliche Beratung, die Fachkompetenz der Mitarbeitenden sowie die unmittelbare Unterstützung der Unternehmen im Tagesgeschäft ab.
Neben der politischen Standortbestimmung setzte die Mitgliederversammlung ein deutliches Signal für die Zukunft der Branche. Die Mitglieder unterstützten die Pläne für ein neues Maschinen- und Laborzentrum der Textilakademie NRW in Mönchengladbach. Mit dem Projekt reagiert die Branche auf den Modernisierungsbedarf in der praktischen Aus- und Weiterbildung und investiert gezielt in die Fachkräftesicherung.
Für Grandin ist dies Teil einer größeren strategischen Aufgabe. Die Branche müsse ihre traditionellen Stärken – Innovation, Spezialisierung und technische Kompetenz – mit neuen Technologien verbinden. Künstliche Intelligenz und Robotik seien dabei keine Bedrohung, sondern eine Chance, gerade für den Standort Deutschland.
Neben Dr. F.-Hans Grandin wurden auch die weiteren Mitglieder des Präsidiums gewählt. Zu stellvertretenden Präsidenten wurden Dr. Nikolas Bastian (Wahlstedt), Stefan Brandmann (Herford) und Johannes Dowe (Borken) gewählt. Jörg Ortmeier (Emsdetten) wurde als Schatzmeister bestätigt.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen zeigte sich Grandin überzeugt, dass die Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland gute Zukunftschancen besitzt. Voraussetzung sei jedoch, dass Politik und Wirtschaft wieder stärker auf Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Investitionen setzen.
„Wir warten nicht auf bessere Zeiten – wir gestalten die bestehenden“, sagte Grandin. Dieses Verständnis, so der wiedergewählte Präsident, sei seit jeher Teil der DNA mittelständischer Industrieunternehmen.
10.06.2026

