Verband der nordwestdeutschen
Textil- und Bekleidungsindustrie e.V.
Monday, 23. October 2017
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Außergewöhnlicher Neubau des Textilverbandes: „Mauern nach Zahlen“


Die 1.300 qm große Südfassade des Gebäudes besteht komplett aus Ziegelsteinen – und erweckt den Eindruck eines riesigen Tuchs, dass sich über das Gebäude legt. Wie es zu der Idee kam und warum sich auch die Maurer einer ganz besonderen Herausforderung stellen mussten, erklärt Roland Bondzio vom ausführenden Architektenbüro behet bondzio lin architekten.


Herr Bondzio, das Thema Stoff bei einem Gebäude für den Textilverband aufzunehmen, liegt nahe. Wie sind Sie darauf gekommen, dieses Leitmotiv mit insgesamt 74.000 Ziegelsteinen umzusetzen?


Der Textil- und Bekleidungsverband Nordwest vertritt rund 260 Unternehmen, die von der Entwicklung und Herstellung textiler Hightechmaterialien bis hin zum Modedesign tätig sind. Bei der Entscheidung für einen Neubau stand schnell fest, dass das Gebäude eine eigene, dem Textilverband angemessene Anmutung haben sollte. Auf den ersten Blick sollten der Verband und sein Sitz als Teil der Branche Textil und Mode zu erkennen sein. Natürlich gab es Pläne, textile Werkstoffe für die Fassade zu verwenden. Dies ließ der Bebauungsplan aber nicht zu. Unsere Überlegung für die Fassadengestaltung war deshalb, Textil abstrakt darzustellen und nicht konkret: Wir schaffen – entsprechend der Vorgaben des Bebauungsplans – ein Ziegelgebäude, das den Faltenwurf eines gigantisches Tuches über der Fassade suggeriert. Tritt man dann in das Gebäude ein, gelangt man von der abstrakten in die konkrete Textilwelt.

Die gute Idee ist das Eine. Aber ließ sie sich so einfach umsetzen?
Wir hatten zu Beginn die Idee und erste sehr abstrakte Bilder, wussten zunächst aber nicht, wie wir das Thema konkret anpacken sollten. Gemeinsam mit dem Textilverband Nordwest haben wir gewissermaßen ein Forschungsprojekt gestartet. Zunächst gab es den Ansatz, über die Fugenbreite ein Hell-Dunkel-Spiel zu erzeugen. Letztlich stellte es sich aber als am Praktikabelsten heraus, den optischen Tuch-Effekt über die Ziegel statt über die Fugen zu erzielen. In den ersten Entwürfen haben wir am Rechner jeden einzelnen Stein bewegt, eine unglaublich aufwändige Arbeitsweise. Erst im zweiten Schritt haben wir ein parametrisches Programm geschrieben und mit dessen Hilfe zum Beispiel Licht- und Schattenverhältnisse auf der Fassade genau modelliert. Mit diesem planerischen Werkzeug und in enger Zusammenarbeit mit der Ziegelei Deppe aus Uelsen sind wir dann zu den konkreten Sondersteinen in verschiedenen Größen gekommen.


Das klingt alles sehr aufwändig. Saßen Ihnen nicht ständig die Zeit sowie der Bauherr im Nacken?
Wir hatten noch nie einen Bauherrn, der dem gestalterischen Niveau so gefolgt oder sogar vorangegangen ist wie der Textilverband. Wir haben immer auf Augenhöhe gearbeitet und hatten im eigens geschaffenen Bauausschuss kompetente Ansprechpartner. Für uns ist dieser Neubau ein vorbildliches Projekt für das Thema Baukultur, von der ersten Entscheidungsfindung, über den gesamten Planungsprozess mit allen Beteiligten bis hin zum fertigen Gebäude und seinen Außenanlagen.


Gibt es vergleichbare Bauten in Deutschland?

Bei sehr vielen historischen Ziegelgebäuden in Deutschland ist der Ziegel ornamental eingesetzt worden. Ein prominentes Beispiel ist das Hamburger Chilehaus von Fritz Höger, einem der wichtigsten Architekten des Backsteinexpressionismus. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat das Thema Ziegel in der Architektur wieder spürbar an Bedeutung gewonnen. Heute sieht man eher abstrakt gestaltete Fassaden, die einfache, wiederkehrende Muster oder Motive verwenden. Aber welcher Kollege und welche Kollegin hat schon das Glück, für einen Textilverband oder Textilhersteller planen und bauen zu dürfen?
Was war die besondere Herausforderung bei der Baudurchführung?
Ohne das Werkzeug Computer und der Methode des parametrischen Entwerfens wäre ein Bau wie dieser nicht möglich gewesen. Erst dadurch konnten wir den komplexen Entwurfsprozess beherrschen, bis hin zu Ausführungsplänen in denen dann exakt jeder Stein zugeordnet werden konnte. Die Handwerker mussten schließlich sieben verschiedene Sondersteine in die Reihen bringen, von denen jeder einzelne an seinen genau berechneten Ort gesetzt werden musste. Das war wie ‚Mauern nach Zahlen‘. Die Arbeit war daher auch für die Maurer ungewöhnlich und anspruchsvoll, hat aber auch zu besonderem Stolz auf das eigene Werk geführt.

Auch Innen spielt das Thema Stoff eine große Rolle.
Wir haben vor Baubeginn sehr viele Mitgliedsunternehmen des Verbandes besucht und uns deren Materialien sowie Produktionsprozesse angesehen. Frau Gaasch, die das Projekt in unserem Büro geleitet hat und ich haben in dieser Phase des Projektes unglaublich viel über das Thema Textil, von seinen verschiedenen Ausgangsprodukten, Herstellungsprozessen und Einsatzmöglichkeiten gelernt. Ein bisschen fühlen wir uns inzwischen selber wie „Textiler“ und freuen uns bereits auf weitere Möglichkeiten unser neues Wissen einsetzen zu können. Sehr viele Materialien aus den Mitgliedsunternehmen finden sich nun im neuen Verbandssitz wieder. Größter Blickfang ist sicher ein 13 x 4 Meter großes Filzgeflecht, das eigens angefertigt wurde und im Besprechungsraum hängt. Dazu gibt es noch viele weitere stoffliche Elemente. Textil dominiert ganz klar.








Artikel vom: 07.06.2017

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